Nürnberger Prozesse – Memorium und was man sehen kann
Wo fanden die Nürnberger Prozesse statt und kann man sie besuchen?
Die Nürnberger Prozesse fanden im Nürnberger Justizgebäude, Bärenschanzstraße 72, statt. Saal 600, in dem der Hauptprozess des Internationalen Militärtribunals von November 1945 bis Oktober 1946 stattfand, wird noch als aktiver Gerichtssaal genutzt, öffnet aber für Besucher, wenn er nicht tagt. Das Memorium Nürnberger Prozesse – das benachbarte Museum – ist täglich außer dienstags geöffnet.
Die Nürnberger Prozesse in ihrem historischen Kontext
Zwischen dem 20. November 1945 und dem 1. Oktober 1946 stellten die vier alliierten Mächte – die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Frankreich und die Sowjetunion – 24 überlebende hochrangige NS-Führungspersönlichkeiten vor einem Internationalen Militärtribunal (IMT) in Nürnberg vor Gericht. Der Prozess, der in Saal 600 des Justizgebäudes geführt wurde, verfolgte die Angeklagten aufgrund von vier Anklagepunkten: Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verschwörung zu diesen Verbrechen.
Die Nürnberger Prozesse waren ohne Präzedenzfall. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden politische und militärische Führungspersönlichkeiten eines besiegten Staates für die von ihnen im Amt getroffenen Entscheidungen persönlich haftbar gemacht. Das Prinzip – dass der Befehlsgehorsam kriminelles Verhalten nicht entschuldigt, und dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nationale Souveränität überschreiten – transformierte das Völkerrecht und legte die Grundlagen für die spätere UN-Charta und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Die Nürnberger Prozesse zu verstehen ist nicht nur für die Geschichte, sondern als lebendes rechtliches und moralisches Rahmenwerk wichtig. Das Memorium Nürnberger Prozesse, das Gedenkmuseum neben Saal 600, macht dieses Argument direkt und effektiv.
Warum Nürnberg?
Nürnberg war keine offensichtliche Wahl für die Tribunale. Die Stadt war schwer bombardiert worden – etwa 90 Prozent der mittelalterlichen Altstadt wurde zerstört – und das Justizgebäude selbst war beschädigt. Aber die Alliierten wählten es aus Gründen, die über Logistik hinausgingen.
Nürnberg war seit 1927, als der erste große NSDAP-Parteitag dort stattfand, die geistige Hauptstadt der NS-Bewegung gewesen. Das Reichsparteitagsgelände – das von Albert Speer entworfene riesige Versammlungsgelände – war der Ort, an dem die jährlichen choreographierten Schauspiele des NS-Regimes inszeniert wurden, darunter der Parteitag von 1935, auf dem die Nürnberger Gesetze verkündet wurden, die Juden die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Den Prozess in Nürnberg abzuhalten war eine bewusste Umkehrung: Die Stadt, die den NS-Triumphalisums beherbergt hatte, würde nun die Rechenschaft beherbergen.
Pragmatisch hatte das Justizgebäude in der Bärenschanzstraße einen großen, intakten Gerichtssaal (Saal 600, Kapazität etwa 200 Personen für den Prozessbedarf) und einen angrenzenden Gefängniskomplex im selben Gebäude. Angeklagte konnten in einem Ort festgehalten, verurteilt und abgeurteilt werden.
Die Angeklagten und die Urteile
Im Hauptprozess des IMT in Saal 600 wurden 24 Angeklagte vor Gericht gestellt, obwohl einer (Robert Ley) vor Beginn des Verfahrens Selbstmord beging und einer (Gustav Krupp) für verhandlungsunfähig erklärt wurde. Zu den 22 Angeklagten, die vor Gericht standen, gehörten:
Hermann Göring – Reichsmarschall, Chef der Luftwaffe und ursprünglicher Architekt der Gestapo. Schuldig gesprochen in allen vier Anklagepunkten, zum Tode verurteilt. Nahm sich Stunden vor der geplanten Hinrichtung mit einer Zyankali-Kapsel das Leben.
Rudolf Heß – Hitlers Stellvertreter, der 1941 mit einem bizarren Friedensangebot allein nach Schottland geflogen war und während der restlichen Kriegsdauer in Großbritannien inhaftiert war. Schuldig gesprochen in Anklagepunkten eins und zwei, zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb 1987 im Alter von 93 Jahren im Spandauer Gefängnis in Berlin – der letzte dort inhaftierte Gefangene.
Joachim von Ribbentrop – Außenminister, der den Hitler-Stalin-Pakt aushandelte. Schuldig gesprochen in allen vier Anklagepunkten, am 16. Oktober 1946 gehängt.
Wilhelm Keitel – Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Schuldig gesprochen in allen vier Anklagepunkten, gehängt.
Albert Speer – Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister, der behauptete, vom Holocaust nichts gewusst zu haben. Schuldig gesprochen in Anklagepunkten drei und vier, zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sein Auftreten vor Gericht – Reue bezeugend, sich von Himmler distanzierend – wurde kontrovers; Historiker debattieren die Aufrichtigkeit seiner Aussagen.
Karl Dönitz – Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, kurz Hitlers Nachfolger. Schuldig gesprochen in Anklagepunkten zwei und drei, zu 10 Jahren Haft verurteilt.
Hans Frank – Generalgouverneur des besetzten Polens. Schuldig gesprochen und gehängt.
Von den 22 Angeklagten, die vor Gericht standen: 12 erhielten Todesurteile, 3 lebenslange Haft, 4 Haftstrafen von 10 bis 20 Jahren und 3 wurden freigesprochen. Zehn Angeklagte wurden am 16. Oktober 1946 im Gefängnisturnsaal gehängt (Göring war in der Nacht zuvor bereits gestorben). Görings Selbstmord am Vorabend seiner Hinrichtung war eine erhebliche Blamage für die Alliierten.
Die Nürnberger Nachfolgeprozesse (1946 bis 1949)
Dem Hauptprozess des IMT folgten zwölf Nachfolgeprozesse vor amerikanischen Militärtribunalen, die von 1946 bis 1949 ebenfalls in Saal 600 geführt wurden. Diese Prozesse verfolgten spezifische Tätergruppen:
- Ärzte, die medizinische Experimente an KZ-Häftlingen durchführten (Ärzteprozess)
- NS-Richter, die den Rechtsterror des Regimes verwalteten (Juristenprozess)
- SS-Einsatzgruppenkommandeure, die an der Ostfront Massenerschießungen von Juden durchführten
- Leitende Krupp- und I.G.-Farben-Direktoren, die Sklavenarbeit einsetzten
- Militärische Befehlshaber (OKW-Prozess)
- SS- und KZ-Beamte (Pohl-Fall)
Die Nachfolgeprozesse erweiterten die Rechtsgrundsätze des IMT und entwickelten das Konzept der Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Völkerrecht weiter. Die Ausstellung des Memoriums behandelt sie ausführlich.
Das Memorium Nürnberger Prozesse
Das Memorium Nürnberger Prozesse ist das 2010 eröffnete Gedenkmuseum neben Saal 600. Es nimmt einen Teil des Justizgebäudes ein und dokumentiert die Prozesse, ihre rechtliche Bedeutung und ihren historischen Kontext.
Die Ausstellung
Die ständige Ausstellung des Memoriums ist in vier Abschnitte gegliedert:
Hintergründe – Deutschlands NS-Verbrechen, die alliierte Entscheidung zur Strafverfolgung und das für die Prozesse entwickelte Rechtsrahmenwerk.
Verlauf der Prozesse – Eine detaillierte chronologische Darstellung des Hauptprozesses des IMT, der Angeklagten, der vorgelegten Beweise und der Urteile.
Rechtliches Erbe – Wie die Nürnberger Grundsätze das nachfolgende Völkerrecht beeinflussten: die UN-Charta, die Genozid-Konvention, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, den Internationalen Strafgerichtshof.
Erinnerung – Wie die Prozesse seit 1946 erinnert, debattiert und neu bewertet worden sind.
Die Ausstellung verwendet umfangreiches archiviertes Filmmaterial – die Nürnberger Prozesse waren der erste große internationale Prozess, der vollständig fotografiert und gefilmt wurde, einschließlich der Hinrichtungen. Teile dieses Materials werden in der Ausstellung verwendet.
Saal 600
Saal 600 ist der bedeutendste Einzelraum im Gebäude. Der Saal ist weitgehend in seiner Konfiguration von 1945 erhalten – die erhöhte Bank für die Richter, die Anklagebank, an der die Angeklagten mit ihren Bewachern saßen, die Dolmetscherkabine (bei den Prozessen wurde das erste große Simultandolmetschsystem eingesetzt, mit Kopfhörern für Angeklagte und Verteidiger). Den Raum zu betreten ist eine direkte Begegnung mit einem entscheidenden Moment der Rechtsgeschichte.
Der Gerichtssaal wird noch für tatsächliche Prozesse im deutschen Gerichtssystem verwendet und ist für Besucher nur zugänglich, wenn das Gericht nicht tagt. Das Memorium informiert darüber, wann Zugang möglich ist; es lohnt sich, dies vor dem Besuch zu prüfen.
Praktische Informationen:
- Adresse: Bärenschanzstraße 72, 90429 Nürnberg
- Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10:00 bis 18:00 Uhr. Dienstags geschlossen.
- Eintritt: 7,50 Euro Erwachsene, 1,50 Euro ermäßigt (Preise 2026).
- Anreise vom Nürnberger Hauptbahnhof: Straßenbahn 9 bis Sielstraße oder Bus 36 bis Justizgebäude. Fahrzeit etwa 20 Minuten. Ein Taxi ab dem Hauptbahnhof dauert etwa 15 Minuten.
Das NS-Parteitagsgelände (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände)
Nur das Memorium zu besuchen lässt eines der außergewöhnlichsten erhaltenen physischen Relikte der NS-Zeit aus. Das NS-Parteitagsgelände – Zeppelinfeld, Zeppelinhauptribüne und das unvollendete Kongressgebäude – befindet sich am südlichen Ende Nürnbergs, etwa 4 km vom Stadtzentrum entfernt.
Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, untergebracht im unvollendeten Kongressgebäude, enthält eine ständige Ausstellung über Geschichte und Zweck der Reichsparteitage, die Propagandafilme (besonders Leni Riefenstahls „Triumph des Willens”) und die Architektur der Macht. Die Zeppelinhauptribüne – die Tribüne, von der Hitler Hunderttausende von Anhängern ansprach – steht noch auf dem Zeppelinfeld, befindet sich aber in schlechtem Zustand und ist wegen struktureller Bedenken nur mit geführten Touren zugänglich. Amerikanische Truppen veranstalteten 1945 ein Rennen auf dem Feld und sprengten das zentrale Hakenkreuz.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 9:00 bis 18:00 Uhr (donnerstags bis 20:00 Uhr). Eintritt 6 Euro. Nächste Straßenbahnhaltestelle: Doku-Zentrum.
Anreise von München nach Nürnberg
Die praktischste Route ist der ICE oder IC-Zug vom Münchner Hauptbahnhof zum Nürnberger Hauptbahnhof, der mehrmals pro Stunde fährt und etwa eine Stunde dauert. Voraustickets bei der Deutschen Bahn starten bei etwa 30 Euro für eine Tagesrückfahrt.
Das Bayern-Ticket (regionaler Tagespass, siehe Bayern-Ticket Guide) deckt keine ICE-Züge ab. Wenn der Preis Priorität hat, dauern Regional-RE-Züge auf derselben Strecke etwa 1 Stunde 45 Minuten, akzeptieren aber das Bayern-Ticket. Bis zu fünf Personen können zusammen mit einem Bayern-Ticket reisen, was es für Gruppen wirtschaftlich macht. Der Tagesausflug von München nach Nürnberg behandelt die Zeitoptionen und was zu kombinieren ist.
Die historische Beziehung zwischen München und Nürnberg
Die beiden Städte erzählen zusammen die vollständige Geschichte von Aufstieg und Fall der NS-Bewegung. München ist der Ort, an dem die Partei gegründet wurde, ihren Hauptsitz hatte und ihre erste Massenbasis erreichte. Nürnberg ist der Ort, an dem die Partei ihre spektakulärsten Selbstpräsentationen inszenierte – und wo die überlebende Führung schließlich zur Rechenschaft gezogen wurde.
Der Münchner Dritte-Reich-Rundgang behandelt Münchens Stadtmittestandorte. Der NS-Dokumentationszentrum München behandelt Münchens eigenes Dokumentationszentrum. Der München im Zweiten Weltkrieg liefert den vollständigen chronologischen Kontext.
Third Reich and WWII walking tourVerfügbarkeit prüfen
Ein kombinierter Besuch von Münchens Drittes-Reich-Stätten und ein Tagesausflug nach Nürnberg bietet das vollständigste Verständnis der Geschichte der Bewegung und ihrer letztendlichen Abrechnung. Die in Saal 600 zwischen 1945 und 1949 festgelegten Rechtsgrundsätze bilden nach wie vor die Grundlage des internationalen humanitären Rechts und des Internationalen Strafgerichtshofs – sie sind nicht rein historisch, sondern wirken in laufenden Verfolgungen von Kriegsverbrechern in Den Haag fort.
Häufig gestellte Fragen zu den Nürnberger Prozessen
Waren die Nürnberger Prozesse fair?
Diese Frage wird von Rechtswissenschaftlern seit 1945 diskutiert. Kritiker haben die Frage der Siegerinnen-Justiz aufgeworfen – die Alliierten waren selbst an Handlungen beteiligt, die als Kriegsverbrechen hätten gelten können (Dresdner Bombardierung, sowjetisches Katyn-Massaker). Das Tribunal hatte keine neutralen Richter. Die Angeklagten hatten jedoch Rechtsanwälte, konnten Verteidigungen vorbringen und einige wurden freigesprochen. Die meisten Rechtshistoriker kommen zu dem Schluss, dass trotz legitimer Verfahrenskritiken die materielle Gerechtigkeit der Haupturteile nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden kann.
Was geschah mit den freigesprochenen Angeklagten?
Drei Angeklagte wurden freigesprochen: Hjalmar Schacht (ehemaliger Reichsbankpräsident), Franz von Papen (ehemaliger Vizekanzler) und Hans Fritzsche (Rundfunkpropagandist). Ihre Freisprüche waren umstritten – der sowjetische Richter war dagegen. Schacht und von Papen wurden anschließend von deutschen Entnazifizierungsgerichten verurteilt; Schacht wurde schließlich im Einspruchsverfahren freigesprochen.
Was ist die Verbindung zwischen Nürnberg und dem Internationalen Strafgerichtshof?
Die Nürnberger Grundsätze – dass einzelne Führungspersönlichkeiten strafrechtlich für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich sind, und dass Befehlsgehorsam kein Verteidigungsargument ist – wurden 1950 von den Vereinten Nationen kodifiziert und bildeten die Grundlage des Römer Statuts von 1998, das den Internationalen Strafgerichtshof errichtete. Der IStGH mit Sitz in Den Haag hat Zuständigkeit für Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen und hat Fälle aus dem Sudan, der Demokratischen Republik Kongo, Kenia und anderen Situationen verfolgt.
Was war die Verbindung der Nürnberger Gesetze mit der Stadt?
Die Nürnberger Gesetze – zwei Rechtsvorschriften, die formal beim NSDAP-Parteitag 1935 in Nürnberg verkündet wurden – entzogen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft und verboten Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Sie wurden nach der Stadt benannt, in der sie verkündet wurden, nicht wo sie entworfen wurden (was hauptsächlich Berlin war). Das Dokumentationszentrum am Parteitagsgelände behandelt die Gesetze und ihre Folgen.
Kann ich das Gefängnis besuchen, in dem die Angeklagten inhaftiert waren?
Das Gefängnis im Justizgebäudekomplex, in dem die Nürnberger Angeklagten inhaftiert waren, ist für Besucher nicht mehr zugänglich – es bleibt Teil einer betrieblichen Justizeinrichtung. Die Ausstellung des Memoriums beinhaltet Dokumentation der Gefängnisbedingungen. Einige der Originalzellen sind in Archivfotos dokumentiert.
Gibt es andere Stätten in Nürnberg im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg?
Über das Memorium und das Dokumentationszentrum hinaus hat Nürnberg umfangreiche Kriegsgeschichte. Die mittelalterliche Altstadt wurde zu 90 Prozent durch Bombardierung zerstört und nach dem Krieg umfassend wiederaufgebaut. Die Nürnberger Chronik, eines der frühesten gedruckten Bücher mit Illustrationen, wurde 1493 in Nürnberg hergestellt – die Stadt hat eine lange Geschichte als Zentrum des Druckwesens, des Handwerks und des Handels, die die NS-Zeit weit vorausgeht und überdauert. Die Nürnberg-Zielseite behandelt das vollständige Besucherprofil der Stadt.
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